
Interview: Jens Clasen
Men’s Health: Herr Gross, was ist mit dem Begriff soziale Kompetenz überhaupt gemeint?
Stefan F. Gross: Der Begriff umfasst ein ganzes Bündel von Fähigkeiten. Zuerst mal kommt eine positive Grundeinstellung gegenüber anderen, man muss Menschen mögen. Zweitens geht es um das Talent, das Wesen des Gegenübers zu erfassen: Was denkt er, fühlt er, in welcher Situation befindet er sich, welche Interessen hat er? Drittens geht es darum, diesen Menschen zu unterstützen, auch emotional. Und schließlich geht es selbstverständlich auch um die Fähigkeit, die eigenen Gefühle klug kommunizieren zu können.
Men’s Health: Haben Sie ein Beispiel für soziale Inkompetenz?
Stefan F. Gross: Kürzlich erlebte ich diese Szene: Ein Vertriebschef hielt eine Rede vor 150 Zuhörern. Ich hatte sie mit ihm vorbereitet, er ist nicht der Typ für große Ansprachen. Er hat alles gut gemacht, hatte seine Nervosität im Griff, erntete am Ende viel Applaus. Sofort im Anschluss stürmte sein Chef auf ihn zu, sagte: „Ihre Rede enthielt 3 Fehler.“ Das war sachlich falsch, und die Kritik kam auch zur völlig falschen Zeit. Eine entsetzliche Demotivation! Noch ein Beispiel: Sie kommen von der Arbeit nach Hause, Ihre Frau ist auch gerade reingekommen, und überfallsartig fängt sie an, darüber zu klagen, was ihr heute alles passiert ist – ohne auch nur einen Moment der Ruhe zu bewahren, in dem Sie beiden mal verschnaufen können.
Men’s Health: Was ist also das Wesen der sozialen Kompetenz?
Stefan F. Gross: Ein Hauptmerkmal ist, darüber nachzudenken, was der andere gerade fühlt oder denkt, sich auf ihn einzustellen. Das hat nicht mit devoter Nettigkeit oder Willfährigkeit zu tun. Es beinhaltet durchaus, die eigenen Interessen zu schützen, mal nein zu sagen und auch mal an sich zu denken.
Men’s Health: Ist jemand, der überhaupt nicht sozial kompetent ist, damit gleich assozial?
Stefan F. Gross: In gewisser Hinsicht schon. Wer sozial nicht kompetent ist, der vergreift sich schnell im Ton und benutzt seine Macht, um andere unter Druck zu setzen und ihnen Angst einzujagen. Es gibt auch Menschen, die sich in sozialen Zusammenhängen kompetent bewegen, auf Menschen zugehen und gut mit ihnen auskommen – trotzdem legen sie an anderer Stelle ein asoziales Verhalten an den Tag. Denken Sie an Anlagebetrüger oder Heiratsschwindler.
Men’s Health: Stimmt es, dass man soziales Verhalten erlernen kann?
Stefan F. Gross: Meine Erfahrung ist, dass etwa 20 Prozent der Menschen bereits in diesem Sinne kompetent sind. Bei weiteren 10 sind Hopfen und Malz verloren, da sind Veränderungen tatsächlich schwer. Die restlichen 70 Prozent haben alle ein großes Potenzial. Bei ihnen kann man sehr viel erreichen. Es hängt natürlich immer auch vom Einzelnen ab, von seinem Charakter, seiner Prägung durch Familie und Umfeld, seiner Grundeinstellung gegenüber anderen und natürlich von seiner Lernfähigkeit.
Men’s Health: Es heißt, Managern hier zu Lande mangele es an sozialer Kompetenz. Ist das wahr?
Stefan F. Gross: Vielleicht haben wir Deutschen in dieser Hinsicht ein Mentalitätsproblem. In vielen Unternehmen herrscht eine extrem nüchterne Art des Umgangs. Je höher man in der Firmenhierarchie kommt, desto weniger wird dort gelacht. Heiterkeit gilt da als Schwäche. Führung funktioniert in solchen Fällen über Härte, Angst, Druck. Das erscheint im ersten Moment auch einfacher als Motivation im positiven Sinne. Manager werden auf diese Weise sozialisiert, fallen zu oft in diese Muster zurück.
Men’s Health: Wie kann der einzelne sozial kompetenter werden?
Stefan F. Gross: Er muss sich über andere mehr Gedanken machen – und darüber, wie er auf andere wirkt. Ich halte den Teilnehmern meiner Vorträge und Seminare auf eine humorvolle Art und Weise den Spiegel vor, damit sie sehen, was andere in ihnen sehen – und gleichzeitig anfangen, darüber nachzudenken, was in anderen Menschen vorgeht. Das mag jetzt recht einfach klingen, aber sehr oft bekomme ich im Anschluss zu hören: „Das habe ich so noch nie gesehen!“