
Stefan F. Gross ist Managementdozent und Autor. Sein Titel "Beziehungsintelligenz" war lange in den Bestsellerlisten der Wirtschaftspresse. In seinem neuesten Buch "Die Kunst der Leichtigkeit" erklärt er die "Zwölf wichtigsten Lebenskunst-Strategien für mehr Erfolg und Lebensqualität".
Interview: Julia Bönisch
sueddeutsche.de: In Ihrem Buch geht es um Lebenskunst. Was ist denn das überhaupt?
Stefan F. Gross: Im Buch geht es um praktische Lebenskunst. Und praktische Lebenskunst ist die Fähigkeit, sein Leben auf kluge und gekonnte Weise zu gestalten, sich seine Lebensfreude und Tatkraft auf Dauer zu erhalten und dabei die Gegenwart zu nutzen und zu genießen.
sueddeutsche.de: Es ist doch ganz natürlich, sich manchmal niedergeschlagen und traurig zu fühlen. Wie sollte man damit umgehen?
Gross: Diese Gefühle gehören zum Leben. Die Erfahrung zeigt aber, dass wir uns im Leben meist auf das konzentrieren, was uns missfällt und was wir als negativ empfinden. Das Positive dagegen geht viel zu häufig unter. Die Antwort lautet daher: Ich würde immer überlegen, was hinter meiner Niedergeschlagenheit steckt und ob es sich wirklich "lohnt", deswegen traurig oder gar deprimiert zu sein. Gleichzeitig würde ich versuchen, ganz bewusst auf das zu achten, was im Augenblick gut bei mir läuft und was mir Gründe liefert, in eine positive Stimmung zu kommen.
sueddeutsche.de: Sie schreiben, mit zwölf Strategien komme man zu mehr Erfolg und Lebensqualität. Ist das wirklich so einfach?
Gross: Die Gestaltung eines glücklichen, erfolgreichen Lebens ist eine Daueraufgabe, bei der viele Dinge eine Rolle spielen. Es gibt aber Schlüsselfaktoren, wie die eigene Stimmungsqualität, die Beziehungen zu anderen Menschen, die eigene Energie und Realisierungskraft oder das Nutzen und Genießen der Gegenwart. Und hier gibt es tatsächlich handfeste Strategien und Empfehlungen, die einem helfen, mehr Erfolg und Leichtigkeit ins eigene Leben zu bringen.
sueddeutsche.de: Sie raten Ihren Lesern, mehr Humor zu haben. Kann man das lernen?
Gross: Die Empfehlung bedeutet unter anderem, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, die eigene Gelassenheit und Souveränität zu stärken und immer auch auf die komischen Seiten des Geschehens zu achten. Ich denke, auf diesen Feldern haben viele von uns noch große Entwicklungsmöglichkeiten.
sueddeutsche.de: Eine andere Strategie lautet: "Mehr Entspannung". Wie erholt man sich denn mitten im stressigen Alltag?
Gross: Vielleicht drei kurze Empfehlungen. Erstens: Hauen Sie sich die Tage nicht zu voll. Es ist meist die "eine Aufgabe zuviel", die dann den Gesamtstress erzeugt. Zweitens: Machen Sie gezielt Pausen. Pausen sind die Brücken zwischen Taten. Drittens: Verbringen Sie Ihre freie Zeit mit etwas, dass Ihnen wirklich Entspannung bringt. Ein kurzer Spaziergang, eine angeregte Unterhaltung - oft reichen Minuten, um wieder Energie zu tanken.
sueddeutsche.de: Wie sollte man denn mit Menschen umgehen, die einem immer wieder Schwierigkeiten machen?
Gross: Es gibt eine ganze Typologie unangenehmer oder belastender Partner. Muffel, Bremser, Rechthaber, um nur einige zu nennen. Für jede Art gibt es eigene Vorgehensweisen. Ingesamt aber gilt: Weniger ernst nehmen. Nur Kontakt aufnehmen, wenn unbedingt nötig. Kurze Gesprächszeiten. Und wenn die Belastung zu groß wird: Sich weniger gefallen lassen. Höflich, aber bestimmt sagen, was man sich in Zukunft verbittet.
sueddeutsche.de: Sie schreiben: "Achten Sie auf einen klugen Umgang mit Ihren Wünschen!" Was meinen Sie damit?
Gross: Ein Hauptthema der Lebenskunst ist die Sicherung der eigenen Zufriedenheit. Viele Menschen sind aber unter anderem deshalb permanent unzufrieden, weil sie ständig von ihren Wünschen getrieben werden. Kaum haben sie sich gekauft, wonach sie sich sehnen, ist der Gegenstand auch schon vergessen und der nächste Wunsch steht vor der Tür. Auf Dauer ist ein solcher Wunschwettlauf nicht zu gewinnen. Deshalb ist der kluge Umgang mit den eigenen Wünschen so wichtig.
sueddeutsche.de: Sie halten Perfektionisten für eine bedauernswerte Spezies. Muss man denn kein Perfektionist sein, um im Job Erfolg zu haben?
Gross: Zwischen Professionalität und Perfektionismus besteht ein Unterschied. Der Profi achtet immer auf ein angemessenes Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Der Perfektionist orientiert sich dagegen nicht an einem Ziel, sondern an einem Ideal. Kaum ist er mit etwas fertig, schon packt ihn die Zwangsvorstellung, dass er doch noch etwas verändern oder verbessern sollte. Und sofort geht alles wieder von vorne los. Perfektionismus ist also keine Tugend, sondern ein Hemmfaktor.
sueddeutsche.de: Sie verwenden den Begriff "Beziehungsintelligenz"? Was steckt dahinter?
Gross: Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit zu einem klugen, gekonnten und gewinnenden Umgang mit Menschen. Kaum etwas ist wichtiger für den eigenen Erfolg und das eigene Lebensglück. Lebenskunst ist immer auch Zusammenlebens-Kunst.
sueddeutsche.de: Sind wir also in unserem Umgang mit Kollegen einfach zu unfreundlich?
Gross: Beziehungsintelligenz umfasst viele Bereiche. Freundlichkeit ist aber natürlich ein zentrales Thema. Dabei ist Freundlichkeit weit mehr als ein oberflächliches Verhalten. Den anderen respektieren, ihm Wertschätzung zu liefern und ihn zu unterstützen, alles das hat auch mit Freundlichkeit zu tun. Zusammenarbeit ohne Freundlichkeit ist keine große Freude.
sueddeutsche.de: Strategien Nummer zehn und elf stehen unter dem Stichwort "Mehr Freiheit". Kann man sich denn gerade im Job überhaupt frei kämpfen? Jeder unterliegt doch Zwängen.
Gross: Oh ja, gerade hier sind die eigenen Machtmöglichkeiten weit größer, als man glaubt. Die Aufgabe besteht ja nicht darin, die "absolute" Freiheit zu gewinnen. Die eigenen Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten aber kann man mit Sicherheit erhöhen: Mehr Mut bei der Ablehnung überzogener Forderungen. Mehr Entschlossenheit im Umgang mit anmaßenden Partnern. Eine kluge Einteilung der eigenen Kräfte. Mehr Durchhaltevermögen bei der Verfolgung der eigenen Ziele. Das sind in Stichworten nur einige der Wege.