
Stefan F. Gross ist Managementdozent und Autor. Sein Titel "Beziehungsintelligenz" war lange in den Bestsellerlisten der Wirtschaftspresse. In seinem neuesten Buch "Life Excellence" erklärt er die "Kunst, ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen".
Interview: Nicola Holzapfel
sueddeutsche.de: Ihr neues Buch handelt von "Lebenserfolg". Was verstehen Sie darunter?
Stefan F. Gross: In der Summe ist es die Fähigkeit das eigene Leben auf sinnvolle und umfassende Weise zu nutzen. Natürlich nicht mit dem Ansatz, dies in absoluter Perfektion zu tun – an einem solchen Anspruch würde man ja irre werden. Aber es geht beispielsweise darum, dass man sich überlegt: "Was für eine Art von Leben möchte ich eigentlich führen und wie bekomme ich dieses Leben hin? Was für Ziele habe ich, was will insgesamt in meinem Leben erreichen?" Oder sich zu fragen: "Was habe ich für Begabungen und Anlagen und wie kann ich diese entwickeln und ausschöpfen?".
Es wäre eine Tragödie, wenn jemand sich gegen Ende seines Leben sagen müsste: "Mensch, mein ganzes Leben wollte ich eigentlich immer dieses oder jenes machen und ich habe mich nie darum gekümmert."
Dann gehört dazu, sich seine Lebensfreude zu erhalten. Jemand, der eine Riesen-Karriere macht, aber ständig in Furcht lebt und unter Druck steht und alles andere im Leben vernachlässigt, der hat keinen Lebenserfolg. Er hat vielleicht beruflichen Erfolg - aber das ist eben nicht alles.
Und schließlich gehört zu Lebenserfolg auch, den zentralen Verantwortungen gerecht zu werden, die mit dem eigenen Leben verbunden sind, im beruflichen Feld ebenso wie gegenüber seinem Lebenspartner oder seinen Kindern.
sueddeutsche.de: Und wie kriegt man das hin?
Gross: Wie man ein glückliches und erfolgreiches Leben führt? Das ist ja eine Menschheitsfrage... Heutzutage gibt es viele, die eine Tricklösung versuchen: Sie rennen über glühende Kohlen oder schreien "Hurra" – und glauben dann, mit so einer Einzelmaßnahme könnten sie ihr Leben so gestalten wie sie möchten.
Dabei ist es tatsächlich eine Lebensaufgabe, ein glückliches Leben zu führen. Und drei Aspekte sind dafür ganz wichtig: Zuallererst muss man sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln, ich nenne das "Selbstmächtigkeit". Die braucht man, um über sein Leben selbst zu entscheiden und nicht zum Spielball von anderen zu werden.
Als zweites benötigt man "Erfolgstalent", also die Fähigkeit aus einer bestimmten Situation das Beste machen zu können und die eigenen Chancen entschlossen zu ergreifen. Und das dritte Element ist "Lebenskunst", also die Fähigkeit, das eigene Leben auf kluge und gekonnte Weise zu führen und zu gestalten.
"Es gibt bestimmte Grundregeln, an die man sich halten kann."
sueddeutsche.de: Ihr Buch hat ja Ratgeber-Charakter. Kann man das also lernen?
Gross: Das kann man sehr wohl lernen. Nehmen Sie die Lebenskunst. Der Begriff und das Thema sind weit über 2000 Jahre alt. Die großen philosophischen Schulen des alten Griechenland waren in der Hauptsache auf die Frage ausgerichtet, wie man ein glückliches Leben führt. Und Ihre Überlegungen und Einsichten prägen das westliche Denken bis heute noch.
Es gibt also bestimmte Grundregeln, an die man sich halten kann. Ein praktischer Fall der Lebenskunst ist beispielsweise der Umgang mit dem eigenen Ärger. Wie reagiere ich, wenn wieder einmal Ärger entsteht, der mir meine Kraft und Stimmung zu rauben droht? Verstärke ich die Situation oder bin ich in der Lage über den Dingen zu stehen?
sueddeutsche.de: Bleiben wir beim Ärger: Wie verhält man sich da richtig?
Gross: Das beginnt mit der Einstellung. Sie müssen erkennen, dass Ärger ein normaler Bestandteil im Leben ist. Und nicht jedes Mal, wenn es ein so genanntes ärgerliches Ereignis gibt, völlig aus der Fassung geraten und aufs tiefste getroffen sein.
Sie dürfen Ärger auch nicht nur als etwas betrachten, das einen bedroht oder angreift, sondern als Auslöser für Verbesserungen. Denn Ärger hat ja immer Ursachen. Mit dem Ansatz "Wie kann ich den Ärger in Zukunft vermeiden?" lassen sich eine Vielzahl von Anregungen gewinnen, mit denen Sie dann vielleicht auch Ihren beruflichen Erfolg erhöhen.
Und wenn Sie zudem nüchtern überlegen "Wie hoch ist der Schadensfall wirklich?" werden Sie feststellen, dass das Meiste über das Sie sich ärgern, diesen Ärger gar nicht wert ist.
Vielleicht noch eine letzte Empfehlung: Schlagen Sie nicht gleich zurück. Das ist ja auch eine der Grundregeln des römischen Philosophen Seneca auf diesem Gebiet: Zeit verstreichen zu lassen und nicht sofort zu reagieren.
"Humor und auch ein wenig Selbstironie sind mit das Wichtigste für ein souveränes Leben."
sueddeutsche.de: Also: souverän bleiben?
Gross: Das ist der entscheidende Begriff. Es kommt darauf an, zu einem souveränen Umgang mit seinem Leben zu kommen. Aber wie kriegt man das hin? Ein Schlüssel ist Humor. Zu erkennen, dass das, was einem im Leben widerfährt, immer auch komische Elemente hat – selbst die Missgeschicke. Oder seine Mitmenschen mit einer gewissen humorvollen Distanz betrachten zu können. Und damit das, was andere über einen äußern, nicht immer sofort an sich herankommen zu lassen. Humor und auch ein wenig Selbstironie sind aus meiner Sicht mit das Wichtigste für ein souveränes Leben.
sueddeutsche.de: Darf man im Leben die Dinge auf sich zukommen lassen?
Gross: Bis zu einem gewissen Grad natürlich. Zur Lebenskunst gehört beispielsweise auch, sich nicht ständig unter Ergebnis- und Handlungsdruck zu setzen. So sollte man auch Tage voller Muse einplanen, bei denen man sich ganz bewusst sagt: "Ich arbeite heute einmal nicht an bestimmten Zielen, ich genieße den Tag einfach so, wie er kommt". Ein anderes Beispiel ist, dass man die Dinge in bestimmten Situationen auch einmal vom Ergebnis her auf sich zukommen lässt: "Ich habe eigentlich das, was in meiner Macht steht getan, also warte ich einmal ab, was sich nun daraus ergibt." Aber wer das "Auf-sich-Zukommen-lassen" übertreibt, gibt zuviel seiner Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand.
sueddeutsche.de: Also, doch lieber sein Glück planen?
Gross: Ich finde Planung im Leben wichtig. Man denkt über sich selber nach, man legt Maßnahmen fest, man kann bestimmte Dinge besser einschätzen. Aber Planung hat natürlich Grenzen. Das Leben ist viel zu unvorhersehbar, als dass man alles in ihm planen könnte.
Und das ist übrigens auch ein Grund für die Unzufriedenheit vieler Menschen. Sie machen sonst was für Pläne, stellen fest, die lassen sich nicht realisieren und sind unfähig, sich auf die neue Situation einzustellen.
sueddeutsche.de: Viele sind ja auch unzufrieden mit ihrer Arbeit.
Gross: Oh ja. Aus meiner Sicht fehlt hier häufig die Beschäftigung mit dem Sinn dessen, was man eigentlich tut. Wenn man sich mal hinsetzt und überlegt "Welchen Nutzen liefere ich anderen mit dem, was ich mache?" wird man in den meisten Fällen feststellen, wie hilfreich für andere und damit wie wertvoll die eigene Arbeit doch ist. Oder dass man sich fragt: Welche Kollegen gibt es eigentlich, mit denen ich sehr gerne zusammen arbeite? Oder zu überlegen: Was muss ich an meinem eigenen Wissen noch verändern, um auf ein höheres Leistungs- und Können-Niveau zu kommen und um mich damit dann wieder weiterentwickeln zu können?
Mit allen diesen Fragen erhöht man die eigene Sehfähigkeit dafür, wie schön doch der eigene Beruf ist und welche Chancen er einem eröffnet. Und man sieht, dass der Verlust der Freude an der eigenen Arbeit vielleicht nur an Kleinigkeiten liegt, die man ändern könnte. Aber genau für diese Sinn-Fragen nehmen sich die Menschen zu wenig Zeit.
sueddeutsche.de: Sie meinen, wir denken zu wenig über unser Leben nach?
Gross: Ich glaube, die meisten denken durchaus immer einmal wieder über sich und ihr Leben nach, aber sie tun es zu unsystematisch und lassen sich auch zu schnell wieder von den Alltagsthemen mitreißen. Eine einwöchige Ferienreise wird minutiös durchdacht, das Leben in seiner Gesamtheit aber dem Zufall überlassen. Viele Menschen nehmen in einem Teilgebiet einen Anlauf, um etwas zu verändern. Aber wenn es dann nicht sofort den Erfolg hat, den sie sich vorstellen, dann versinken sie wieder in ihrer üblichen Routine. Aber dass jemand sich wirklich einmal die Zeit nimmt und intensiv darüber nachdenkt, welche Menschen ihm im Leben wirklich wichtig sind und wie er sein Verhalten ihnen gegenüber grundsätzlich zu gestalten hat, das geschieht kaum.
Anders gesagt: Die Menschen reden zwar ständig von Erfolg. Aber wenn Sie einmal jemanden fragen: "Was ist eigentlich für dich Lebenserfolg?", da kommt als Antwort kaum etwas Konkretes. Auch wenn ich Vorträge halte und dort die Teilnehmer frage, die ja in der Regel alle beruflich sehr erfolgreich sind, kommen nur Allgemeinplätze. Sie können beschreiben, wie das Umsatzziel im nächsten Jahr aussehen soll. Aber was für sie persönlich Lebenserfolg bedeutet, das können sie kaum definieren.
"Wer immer 100 Prozent haben will, der verkennt die Realität."
sueddeutsche.de: Wie wichtig ist denn der Beruf für ein glückliches Leben?
Gross: Aus meiner Sicht ist er sehr wichtig. Es gibt ja Menschen, die sehr früh in Rente gehen und dann ebenso früh altern. In dem Moment, in dem die täglichen Herausforderungen weg sind, fällt alles, was vorher an Stabilität vorhanden war, in sich zusammen. Auch Arbeitslose leiden ja nicht nur darunter, dass sie auf einmal kein Geld mehr verdienen. Ihnen geht der Sinn im Leben verloren und die Möglichkeit, sich zu beweisen und etwas zustande zu bringen.
Wobei es nicht darum geht, alles erreichen zu wollen oder alles erreichen zu müssen, was man sich vornimmt. Wenn jemand 80 oder 90 Prozent seiner beruflichen Ziele erreicht, ist er schon wirklich große Klasse. Und das sollte ausreichen, um einem entsprechende Zufriedenheit zu liefern. Wer immer 100 Prozent haben will, der verkennt die Realität und überfordert auf Dauer gesehen sich selbst und seine beruflichen und privaten Partnern.
sueddeutsche.de: Die Erfolgsschiene hat also Grenzen?
Gross: Durchaus. Und das ist eben auch für das eigene Lebensglück wichtig: Zu erkennen, dass es im Leben nicht nur vorwärts geht, sondern dass auf zwei Schritte nach vorne, einer nach hinten folgt und dann einer zur Seite. Man muss auch in Bezug auf die Zielerreichung in bestimmten Fällen Abstriche machen können und sollte nicht die Erwartung haben, dass alles in völliger Perfektion läuft, und das auch noch wie von selbst.
"Die Ansprüche sind heute oftmals zu hoch."
sueddeutsche.de: Man darf also keine zu hohen Erwartungen haben?
Gross: Hohe Erwartungen an sich sind sicher nichts Negatives, im Gegenteil, sie motivieren einen ja auch. Man sollte aber darauf achten, seine Erwartungen immer auch anhand der Realität zu überprüfen. Die Ansprüche sind heute oftmals zu hoch. Wer noch aus der Kriegsgeneration kommt, hat ja ein ganz anderes Weltbild. Viele Probleme, über die heute stark geklagt wird, erscheinen ihm als reine Nichtigkeit. Er geht mit einer anderen Erwartungshaltung ran. Während die Menschen, die in der Boomzeit aufgewachsen sind, eher der Ansicht sind, es müsste immer so weitergehen. Denken Sie an den Aktienboom. Als die Kurse nach oben gingen, hat so mancher geglaubt, er wird Millionär ohne arbeiten zu müssen. Entsprechend groß war die Enttäuschung.
Auch der Anspruch, dass die Dinge immer ganz schnell gehen müssen, ist falsch. Ein Beispiel ist die Karriere. Sie wird von vielen von uns als Sprintstrecke geplant und anschließend als Dauermarathon durchlaufen. Speziell die Berufsanfänger gehen mit großem Enthusiasmus an die Dinge und sehen auch schon kleine Erfolge als Riesenfortschritt an. Irgendwann gerät die Entwicklung dann aber ins Stocken und schon kommt es zur großen Verzweiflung.
Das Entscheidende dabei: Wer auf solche Entwicklungen vorbereitet ist, wer sich darauf einstellt, dass die Dinge nicht so schnell laufen, wie man zu Anfang vielleicht hofft, der wird mit den Herausforderungen des Berufsleben natürlich auch viel gelassener umgehen können. Er wird sich von einem Engpass oder einer Schwierigkeit nicht entmutigen lassen, sondern umso entschlossener um seine Ziele kämpfen.
"Das Positive wird viel zu häufig übersehen."
sueddeutsche.de: Also gilt es bescheidener zu sein?
Gross: Man muss eine gesunde Mischung finden, aus Enthusiasmus und hohen Zielen einerseits und ein wenig mehr Bescheidenheit und Realitätssinn andererseits. Man sollte also erkennen, dass man nicht der Einzige auf der Welt ist, der bestimmte Ziele hat und Kompromisse eingehen muss, dass man auch einmal Rückschläge zu akzeptieren hat. Insbesondere sollte man sich seine Wertschätzung erhalten für das, was man bereits erreicht hat und was im eigenen Leben im Augenblick alles positiv läuft. Das Positive wird viel zu häufig übersehen.
sueddeutsche.de: Ist es denn schwieriger geworden, ein glückliches Leben zu führen?
Gross: Ja, unter anderem deshalb, weil die beruflichen Herausforderungen doch enorm gestiegen sind. Man hat heute fast keinen Spielraum mehr. Entweder man macht die Dinge im Berufsleben mit vollem Einsatz oder man lässt es ganz sein. Der Konkurrenzdruck ist sehr hoch. Und dies raubt einem wiederum die Zeit und die Kraft, auch an die privaten Dinge ranzugehen. Man ist so sehr verstrickt im Berufsleben, dass fast alles andere unterzugehen droht. Und das erschwert es natürlich, das Leben zu führen, das man sich in Wahrheit wünscht.
sueddeutsche.de: Wie kann es denn gelingen, Privat- und Berufsleben besser zu vereinbaren?
Gross: Indem man erkennt, dass das Privatleben nicht ein Anhängsel des Berufslebens ist. Es ist ein eigenständiges Aufgabengebiet, bei dem man genauso umsichtig vorzugehen hat wie im Beruf. Und indem man nicht wegen der Arbeit die Dinge im Privaten aufschiebt - so nach dem Motto: Ich konzentriere mich die nächsten 30 Jahre nur auf meine Karriere und wenn ich alles erreicht habe, dann fange ich vielleicht auch einmal an, im Privaten zu leben. Das ist nicht der richtige Ansatz.
Ein anderer entscheidender Punkt ist die Qualität des Umgangs mit seinem privaten Partner. Wie aufmerksam verhält man sich ihm gegenüber, wie sehr geht man auf den anderen ein, was trägt man Positives zu seiner Stimmung bei, wie deutlich zeigt man ihm, wie wichtig er einem ist? Und sicherlich lässt sich auch die Zeit, die man mit seinem Partner verbringt, klüger nutzen, als jeden Abend gemeinsam vor dem Fernseher zu hocken. Gerade hier ist Lebenskunst wichtig und hilft enorm.
sueddeutsche.de: Also muss man dem Privaten wieder einen höheren Stellenwert geben?
Gross: Ja, denn wer sich das Private zerstört, wird auf lange Sicht auch im Beruf nicht das erreichen können, was er sich vornimmt. Weil man das Privatleben als Ausgleich und als Kraftquelle braucht. Und weil man insbesondere auch sich selbst gegenüber einen Anspruch darauf hat, ein, so weit es eben möglich ist, erfülltes Privatleben zu führen. Der Beruf ist wichtig, aber er ist eben nur ein Teilbereich des Lebens.