GROSS ERFOLGSCOLLEG

Selbst ist die Kunst

Lebenslang an sich arbeiten

Erfolg und Glück fallen gewöhnlich nicht vom Himmel. Auch wenn es die Dealer des Glücks
ständig anpreisen. Statt der üblichen Hurra-Parolen ("Nur wer Lotto spielt, kann gewinnen")
benötigen wir umfassende Konzeptionen, die in die Tiefe gehen. Sagt ein Berater und ist über 460
Seiten in selbige vorgedrungen. Seine These: Erfolg in Job und Alltag ruht auf drei Eckpfeilern. Der
selbst bestimmten Reifung als Persönlichkeit, der optimalen Nutzung von Möglichkeitsräumen
sowie der klugen Lebensführung. Die lebenslange Arbeit an sich selbst ist das eigentliche Geheimnis
der Lebenskunst.
Stefan F. Gross arbeitet seit 1985 als Ideenproduzent, Berater und Business-Redner. Auf Veranstaltungen und Kongressen hält er Vorträge zum Thema beruflicher und persönlicher Erfolg. Überdies ist er ein gefragter Buchautor, unter anderem des Bestsellers Beziehungsintelligenz.

Interview: Anja Dilk

changeX: Herr Gross, zur Zeit scheinen viele Menschen in ihrem Leben dort zu stehen, wo sie eigentlich nicht stehen wollen. Unbeirrt von der Wirtschaftskrise überschwemmen Work-Life-Balance-Ratgeber den Buchmarkt, die Wellness-Welle rollt. Die einen sind auf der Suche nach einem anderen Leben, die anderen mit Rezepten schnell zur Hand. Was stimmt da nicht mit unserer Gesellschaft?

Stefan F. Gross: Wir haben mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Zum einen wird unsere Welt tatsächlich immer komplexer. Produkte und Dienstleistungen sind zunehmend austauschbar, der Wettbewerbsdruck steigt und damit der Druck auf den Einzelnen. Der Aufwand, um Karriere zu machen und eine gute Position zu erreichen, ist enorm gewachsen. Die Folge: Die Karriere, einst als Sprint geplant, wird zu einem anstrengenden Dauermarathon. Zum anderen sind wir beruflich so eingespannt, dass wir das Privatleben vernachlässigen. Das hinterlässt Spuren. Zu alledem fehlt es uns, die wir sonst auf allen Gebieten so professionalisiert sind, an einer Ausbildung in Lebensgestaltung. Einfache Lösungen sind dieser komplexen Problemlage nicht angemessen.

changeX: War es früher anders?

Gross: Ich denke schon. Frühere Generationen hatten andere Glückserwartungen. Sie hatten Schlimmes erlebt, den Krieg, die Nachkriegszeit. Das hat die Perspektive geprägt. Zudem haben Arbeitsbelastung, Hektik und Beschleunigung der Gesellschaft ein Ausmaß erreicht, das auf Dauer nur schwer zu bewältigen ist. Das gab es vor 30 Jahren noch nicht.

changeX: Gestresst, gehetzt, immer auf dem Sprung, Arbeit ohne Ende - ist das ein Phänomen der ganzen Gesellschaft oder stehen da nicht vielmehr bestimmte Gruppen im Vordergrund der Analyse: Führungskräfte, Akademiker, Selbstständige?

Gross: Sicher sind bestimmte Gruppen stärker betroffen als andere. Doch das Grundphänomen zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten, über alle Hierarchien hinweg. Vom Vorstand bis zum Sachbearbeiter, keiner hat mehr die absolute Sicherheit. Auch der Bäcker steht unter einem größeren Erfolgsdruck als früher. Es gibt neue Problemkonstellationen: Die junge, gut ausgebildete Frau, die nach der Geburt ihres Kindes aus dem Beruf aussteigt und nicht mehr weiß, wie und ob sie zurück in den Job findet, ist stärkeren psychischen Belastungen ausgesetzt als früher, wo die Rollenerwartungen noch klar waren.

changeX: Wir alle wollen ein rundherum zufriedenes, erfolgreiches Leben führen. Woran scheitern wir?

Gross: Die meisten Menschen sehen nicht, dass die Sorge um ein solches Leben eine Daueraufgabe ist. Sie haben es nicht gelernt, diese Aufgabe systematisch anzugehen. Sie übernehmen nicht genug Verantwortung für ihr Leben. Die Hürden liegen ja tatsächlich hoch und viele Leute beißen sich daran fest, 100 Prozent erreichen zu wollen, dabei sind 70 oder 80 Prozent ein ungeheurer Erfolg. Viele verschieben zudem die Verwirklichung ihrer Ziele immer wieder. Weniger arbeiten? Wenn dieses Projekt vorbei ist, wird alles anders. Mehr Zeit für die Kinder? Nach dem Jahresabschluss gibt es sicher mehr Luft. Dabei zieht das Leben an ihnen vorbei und eines Tages merken sie beispielsweise, dass die Kinder groß sind und sie ihre Kindheit verpasst haben. Das ist für immer vorbei.

changeX: Warum sehen wir das erst im Nachhinein?

Gross: Wenn wir im Beruf etwas nicht machen, spüren wir die Folgen sofort. Wenn wir im Privaten etwas nicht machen, merken wir die Konsequenzen erst mit deutlicher Verzögerung. Außerdem sind die meisten Menschen Meister der Verdrängung. Es fehlt an Selbstdisziplin. Es ist so bequem, weiterhin den Tag mit den gewohnten Unsinnigkeiten zu füllen, Fernsehen, stundenlang zu Hause von unseren Jobproblemen erzählen, statt sich mal mit der Familie etwas Besonderes vorzunehmen oder den Partner zu fragen: "Na, wie war dein Tag?" Ferienreisen planen wir minutiös, aber wenn es um unser Leben geht, machen wir uns nicht einmal die Mühe, zu definieren, was Lebenserfolg überhaupt bedeutet.

changeX: Genau das ist Thema Ihres Buches. Sie schreiben über die "Kunst, ein souveränes, erfolgreiches und glückliches Leben zu führen". Umfassender geht es kaum. Was unterscheidet Sie von all den selbst ernannten Balance-Spezialisten?

Gross: Ich bin sehr skeptisch bei oberflächlichen Ratschlägen. Zum Beispiel Rezepte wie diese: "Packe deine Sorgen in einen rosa Ballon und lass ihn fliegen." Was soll diese Losung jemanden bringen, dem die Kündigung auf den Tisch flattert? Man muss nur wollen, dann geht es schon? Nein, wir brauchen keine Hurra-Parolen, sondern Konzeptionen, die in die Tiefe gehen, die umfassend sind. Das habe ich in meinem Buch versucht.

changeX: Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen ist der Lebenserfolg. Es geht Ihnen nicht um Spaß haben
oder Umsätze machen. Was verstehen Sie unter Lebenserfolg?

Gross: Es gibt die grundsätzliche Ebene, die für alle gleich ist, und die individuelle, die der Einzelne nach seinen Wünschen, Interessen und Fähigkeiten nutzen muss. In meinen Augen bedeutet Lebenserfolg grundsätzlich, das Leben sinnvoll und umfassend zu nutzen. Um herauszufinden, wie ich mein Leben nutzen kann, was für mich überhaupt der Nutzen aus meinem Leben ist, sollte ich verschiedene Bereiche betrachten. Was sind meine Lebensziele und wie kann ich sie erreichen? Das heißt beispielsweise, welchen Lebensrhythmus, welche Lebensweise möchte ich haben, welche Art von Partnerschaft will ich führen? Was kann ich im Leben leisten? Also, was kann ich für andere tun, wo kann beispielsweise meine Arbeit anderen nutzen?

Zum Lebenserfolg gehört es, aus seinen Anlagen so gut es geht etwas zu machen, nicht unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. Zum Lebenserfolg gehört es auch, seinen Verantwortungen gerecht zu werden. Die Menschen möchten glücklich sein, ihr Leben genießen, Freude daran haben, aber all das geht nicht, wenn ich im beruflichen wie im Privatleben meinen Verantwortungen aus dem Weg gehe. Der Verantwortung für den Partner, die Kinder beispielsweise. Zum Lebenserfolg gehört schließlich, sich zu fragen: Wie erhalte ich mir meine Lebensfreude? Was nützt es, wenn ich orstandsvorsitzender eines Unternehmens bin, aber mein Lebensglück und meine Gesundheit unter den vielen Terminen, den Machtkämpfen, der Verantwortung leiden? Es ist wenig hilfreich, nur in einer Hinsicht erfolgreich zu sein. Die Summe zählt.

changeX: Wie er nach diesen grundsätzlichen Kriterien seinen Lebenserfolg definiert, muss also jeder selbst herausfinden. Keine leichte Sache. Wie komme ich meinen persönlichen Zielen auf die Spur?

Gross: Es hilft, sich damit auseinander zu setzen: Was will ich mit meinem Leben? Die Menschen nehmen sich viel zu wenig Zeit für die Definition ihres Lebenssinns. Erst wenn die Türen zu vielen Wegen schon verschlossen sind, wenn man etwa zu alt ist, um Kinder zu bekommen, oder berufliche Chancen verpasst hat, kommt die Erkenntnis und das große Entsetzen: Jetzt ist es zu spät. Es gibt einen wunderbaren alten Hollywood-Film. Drei Jugend-Freunde treffen sich nach Jahren wieder. Sie spielen Basketball. Plötzlich wird einer sehr nachdenklich und sagt: Irgendwann ist ein Mann zu alt, um noch Sportstar werden zu können. Das trifft es auf den Punkt.

changeX: Wie können wir dieser Falle entgehen?

Gross: Erstens können wir den Spieß umdrehen: Was würde ich anderen raten? Worauf sollte X oder Y in seinem Leben achten, in welche Richtung könnte er gehen? Zweitens könnten wir bei den Menschen in unserem Umfeld beginnen: Wer ist mir besonders wichtig? Wem möchte ich Kraft und Aufmerksamkeit widmen, wen glücklich machen? Drittens können wir den Umgang mit meinem Beruf hinterfragen: Wo liegt für mich der Sinn meiner Arbeit? Welchen Nutzen bringe ich anderen, auf welche Weise kann ich meine Begabungen einsetzen, welche Befriedigung verschafft mir der Job?

Viele kommen nach der Ausbildung hoch motiviert in ein Unternehmen, doch die Illusionen der Businesswelt entzaubern sich mit wachsender Routine. Sie geraten automatisch auf eine bestimmte Schiene und taumeln weiter von Stufe zu Stufe. Viertens können wir uns fragen: Was hat den größten Wert in meinem Leben? Welche Lebensträume treiben mich um, was will ich im Leben verändern, was ist mir wirklich wichtig? Womit beschäftige ich mich zu wenig, was möchte ich mehr tun und was könnte ich dafür eine Zeit lang weglassen? Wenn Sie daraus eine Sinnhierarchie erstellen, sehen Sie klarer.

changeX: Wenn auch viele Menschen gerne darüber reden, wie wichtig das Privatleben, eine glückliche Partnerschaft, vielleicht Kinder sind, scheint im Handeln doch bei den meisten der Beruf an erster Stelle zu stehen. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz, die viele früher oder später zum Work-Life-Balance-Ratgeber greifen lässt?

Gross: Natürlich ist es wichtig, einen Ausgleich herzustellen. Allerdings: Wenn in jeder Waagschale zwei trockene Brötchen liegen, leben Sie auch in Balance, doch zufrieden sind Sie deshalb noch lange nicht. Man kommt nicht daran vorbei, das Ganze grundsätzlicher anzugehen. Dass de facto der Beruf für so viele Menschen Priorität hat, hat viele Gründe. Zum einen bringt das Berufsleben Geld, das Privatleben kostet. Im Beruf müssen Sie fremde Menschen von sich und ihren Leistungen überzeugen, das erfordert mehr Kraft und Aufmerksamkeit. Im Beruf gibt es mehr Zwänge, mit denen Sie sich auseinander setzen müssen. Deshalb geben wir uns Fremden gegenüber größte Mühe und lassen es zu Hause laufen...

changeX: ...und sagen gerne noch, dass wir uns ja irgendwo mal gehen lassen können müssen...

Gross: ...ganz genau, und das ist fatal. Denn ohne Rücksicht und Umsicht funktioniert das Privatleben nicht, Genuss bringt es schon gar nicht. Gehen lassen können wir uns als Einsiedler. Wer sich im Beruf zu angespannt fühlt, sollte lieber im Berufsleben etwas lässiger sein, statt im Privaten alles laufen zu lassen. Viele Menschen lassen die Dinge viel zu nahe an sich rankommen, messen Negativem zu viel Gewicht bei. Ein Großteil unserer Ängste im Job sind negative Phantasien. Um sein Leben auf die Erfolgsschiene zu bringen, schlagen Sie einen Weg vor, der aus drei Bausteinen besteht: Selbstmächtigkeit, Erfolgstalent und Lebenskunst. Was heißt das? Selbstmächtigkeit ist die Fähigkeit, sich zu einer eigenständigen, selbst bestimmten Persönlichkeit zu entwickeln und die Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen. Am Anfang steht die Selbstbeobachtung: Was bin ich für ein Mensch, wie denke und handle ich, wo bin ich sicher, wo unsicher, wo liegen meine Stärken und Schwächen? Dann gilt es, sich selbst zu akzeptieren. Denn man kann sich weiterentwickeln, ein gänzlich anderer Mensch wird man damit nicht. Wer selbstmächtig ist, hat gelernt, sich selbst zu genügen. Wir leben in einer Gesellschaft der Massenmenschhaltung, viele haben verlernt, alleine zu sein, ihren Interessen in Ruhe nachzugehen, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Zur Selbstmächtigkeit gehört es, Verantwortung für seine Lebensführung zu übernehmen, egal ob es um Fernsehen oder Ernährung geht. Zur Selbstmächtigkeit gehört es, seinen Grundsätzen treu zu bleiben und sich nicht von der Meinung anderer Menschen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

Der zweite Baustein, das Erfolgstalent, bedeutet nichts anderes als die Fähigkeit, das Beste aus einer bestimmten Ausgangslage zu machen und auch unter schwierigen Bedingungen handlungsbereit und handlungsfähig zu bleiben, so dass man seine Chancen nutzen und seine Gestaltungsmöglichkeiten erhöhen kann.

changeX: Und Lebenskunst? Der Begriff ist ja etwas aus der Mode gekommen.

Gross: Ja, wir kennen ihn aus der Antike. Doch er hat gerade heutzutage große Bedeutung. Er beschreibt die Klammer, die Selbstmächtigkeit und Erfolgstalent zusammenhält. Die Fähigkeit zu einer klugen und gekonnten Lebensführung. Menschen, die sich auf den Umgang mit der Gegenwart verstehen, indem sie sich des Einmaligen jeder Situation bewusst sind und dem Leben mit höchster Wachheit begegnen. Wer sich auf Lebenskunst versteht, arbeitet an sich selbst, lässt sich nicht von den Verhältnissen bedrücken oder von einer dummen Bemerkung am Morgen den ganzen Tag verderben. Viele Dinge im Leben sind eine Frage der Haltung. 80 bis 90 Prozent dessen, was wir als schwierig empfinden, ist fehlender Wille.

changeX: Viele Menschen scheitern beim Versuch, ihr Leben umzustricken, an den Rahmenbedingungen. Oder nehmen es zumindest so wahr. Und sicher ist die Ausgangssituation für den einen besser als für den anderen.

Gross: Natürlich gibt es beispielsweise Berufe oder Positionen, in denen es schwerer fällt, umzusteuern als in anderen. Ein Sportler, der mit 120 die Abfahrtspiste heruntersaust, hat es auch schwerer als einer, der beim Curling das Eis glatt wedelt. Doch das Grundsätzliche bleibt: Die Unsicherheit im Berufsleben, die Mühsal beim Aufstieg, die Konkurrenz nehmen zu und nur wer sich eigenverantwortlich entscheidet, sein Leben selbst zu gestalten, hat eine Chance, etwas zu verändern.
Der größte Fehler ist, zu sagen: "Ich habe es schwer."

changeX: Und nach 462 Seiten "Life Excellence" haben Sie Ihren Lebenserfolg erreicht?

Gross: Ein solches Buch schreibt man natürlich auch, weil einen das Thema selbst berührt. Den eigenen Lebenserfolg zu erreichen ist kein einmaliger Akt, sondern ein Lebensprojekt, an dem man Tag für Tag arbeiten muss. Ich glaube, dass ich dem ein Stückchen näher gekommen bin.

Erfolgswissen

Das Interview erschien am 23.03.2004 auf

ChangeX